Bei der Gedenkfeier für Sophia Malczyk, die jährlich am Ort ihrer Erschießung statfindet, wurden in diesem Jahr die folgenden Redebeiträge gehalten.
Gedenken an Zofia Malczyk
„Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe so selbstsicher sind und die Klugen so voller Zweifel.“ Bertrand Russell
Das Weltgeschehen, die Weltpolitik macht derzeit fassungslos und selbstsichere Dummköpfe sitzen derzeit an den Schaltern der Macht und schüren Kriege, Hass gegen Andersartigkeit und Ängste um die Zukunft dieser Welt. Authentizität gilt in diesen Kreisen der Macht nicht mehr als Wert, sondern Unberechenbarkeit und Lüge werden inzwischen als Tugenden und Ideale verkauft. Mehr als 80 Jahre geopolitischer Ordnung und Bündnisvertrauen wurden vor Kurzem mit einem Handstreich vernichtet und wir als europäische Bürger sehen uns einer Realität gegenübergestellt, die uns in der Tat Zweifeln, vielleicht sogar verzweifeln lassen könnte.
Ich kenne aber noch ein weiteres Zitat von Bertrand Russell: „Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: sie tun es.“
Wir Mitglieder des Bayernkollegs Schweinfurt haben uns für das Denken entschieden. Mit unserer Haltung „Schule gegen Rassismus, Schule mit Courage“ und unserer Patenschaft des Gedenksteines „Zofia Malczyk“ und unserer Partnerschaft mit der Initiative gegen das Vergessen stemmen wir und gegen Lüge, Unberechenbarkeit, Chaos, Angst, und Intoleranz. Wir stehen mit unserer Schülerschaft und dem gesamten Kollegium für Authentizität, Bildung, Vertrautheit, Augenhöhe, Toleranz und Progressivität. Wir arbeiten zusammen mit unseren Schülern an einem Weltverständnis und an einer kritischen Sicht, die den selbstsicheren Dummköpfen auch in Zukunft das Leben schwer machen wird. Schon Kant befand über die sich in der Aufklärung befindlichen Gesellschaft: „so schädlich ist es, Vorurteile zu pflanzen, weil sie sich zuletzt an denen selbst rächen, die oder deren Vorgänger ihre Urheber gewesen sind“.
Hiermit möchte ich das Wort an die Schüler unserer Schule übergeben.
Ulf Pennekendorf
Oberstudienrat am Bayernkolleg Schweinfurt, 20. März 2025
Über Respekt und Toleranz
Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen.
Wir können Geschehenes nicht ungeschehen machen.
Wir tragen keine Schuld für Geschehnisse, an welchen wir nicht beteiligt waren. Doch nur weil wir keine Schuld an Verbrechen haben, heißt das nicht, dass diese dadurch an Relevanz verlieren dürfen.
Denn sobald wir vergessen, was geschehen ist.
Sobald wir vergessen, was geschehen kann.
Sobald wir die Vergangenheit außer Acht lassen und nicht aus ihr lernen.
Sobald wir unsere Zukunft nicht so gestalten, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt.
Ja genau dann machen wir uns selbst an unserer Zukunft schuldig.
Aus diesem Grund stehen wir nun gemeinsam hier und gedenken Zofia Malczyk.
Wir wollen nicht vergessen!
Wir wollen uns erinnern und haben damit die Aufgabe unsere Gegenwart und unsere Zukunft besser zu gestalten als sie damals war.
Die zwei wichtigsten Eigenschaften, welche wir für eine gerechte Zukunft benötigen, sind Respekt und Toleranz. Respekt vor uns selbst. Respekt vor allen. Respekt auch vor denjenigen, welche uns fremd sind. Und selbst wenn wir das Handeln mancher nicht respektieren können, sollten wir immer den Menschen dahinter respektieren. Antoine de Saint-Exupéry schrieb in „Bekenntnis einer Freundschaft“: „Wenn der Nazi ausschließlich den respektiert, der ihm gleicht, dann respektiert er nur sich selbst.“ Dieses Zitat sollten wir uns immer bewusst machen. Wir müssen anfangen, jeden in der Gesellschaft zu respektieren. Denn wenn wir das nicht machen, können wir nicht erwarten. dass wir selbst respektiert werden.
Mit dem Respekt geht auch die Toleranz einher. Es ist völlig normal, dass wir nicht jede und jeden verstehen, und es ist genauso normal, dass uns nicht jeder versteht. Aber genau so wie wir uns wünschen, dass unser Leben toleriert wird, wünscht sich auch jeder andere, dass er toleriert wird. Und auch wenn nicht jeder diese Einstellung pflegt, liegt es an uns, die Richtung vorzugeben. Dabei wird uns schließlich nichts weggenommen. Ganz im Gegenteil: Wir lernen dabei zu verstehen! Doch um die Toleranz zu wahren, ist manchmal auch notwendig, intolerant zu sein. Intolerant jenen gegenüber, welche versuchen, die Toleranz zu vernichten. Jenen gegenüber, welche versuchen, ihre Ideologien auf Kosten anderer durchzusetzen. Denn nur so können wir Vielfalt und Menschlichkeit in der Zukunft wahren.
Gedicht
Ein Fascho liebt den Hass
Was andres fällt ihm schwer
Drum ist er ja so blass
Und innerlich ganz leer
Er schränkt andere ein
In Meinungen und Wort
Und eins nervt ihn gemein
Die Ausländer vor Ort
Er denkt er hätte recht
Aufgrund seiner Geburt
Er hält es für gerecht
Jedoch ist es absurd
Mit Fleiß baut er sich sein Konstrukt
Er leimt es ein mit seinem Frust
Doch letztlich ist es sehr kaputt
sowie das Herz in seiner Brust
So ganz allein in seiner Welt
Schläft er dann nachts alleine ein
Nichts da was ihn zusammenhält
So lässt er Hass auf andre ein
Er baut sich seine Welt zurecht
Mit Hass erfülltem Siebe
Filtert er das Bleiberecht
Doch gut tun würd ihm Liebe
Alternative Strophen
Ein Fascho der wird lieben
Nur sich und sein Gesindel
Und fliegt er auf der Schwindel
Sind schon alle vertrieben
Ein Fascho liebt sein Land und Kult
Was sollte er sonst lieben
Und sollte er nicht siegen
Trifft ihn wohl keine Schuld
Torben Greul
Schüler am Bayernkolleg Schweinfurt, 20. März 2025
Zum Gedenken an Zofia Malczyk
Zofia Malczyk war eine junge Frau, die im Zweiten Weltkrieg in sehr schwierigen Bedingungen lebte. Sie war eine polnische Zwangsarbeiterin, die in Deutschland arbeiten musste. Wie viele andere Frauen in dieser Zeit hatte sie kaum Rechte und war völlig von den Nazis abhängig.
Im Jahr 1944, als sie schwanger war, versuchte Zofia, sich von dieser Ausbeutung zu befreien. Sie floh mehrmals und versuchte, auf illegalem Weg zu überleben. Sie versteckte sich in Bunkern und bei anderen Zwangsarbeitern. Während der Luftangriffe stahl sie aus verlassenen Häusern, um sich selbst zu versorgen.
Zofia wurde mehrmals verhaftet, aber sie gab nie auf. Sie kämpfte immer weiter, um ihr Leben und ihre Freiheit zu retten. Leider wurde sie 1945 von zwei Kriminalbeamten gefangen genommen und getötet. Sie war damals im neunten Monat schwanger.
Zofia Malczyk hat trotz aller widrigen Umstände immer versucht, zu überleben und sich gegen die Grausamkeit des Naziregimes zu wehren. Ihre Geschichte zeigt uns, wie stark der Wille eines Menschen sein kann, selbst in den dunkelsten Zeiten. Wir sollten nie vergessen, was sie durchgemacht hat, und ihr Mut sollte uns alle inspirieren.
Aber gibt eine solche Ungerechtigkeit wirklich nur in Geschichten? Leider gibt es auch heute noch Menschen, die unter unmenschlichen Bedingungen leben und kämpfen müssen. In vielen Teilen der Welt werden Menschen ihrer Rechte beraubt, ausgebeutet oder aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder politischen Ansichten unterdrückt. Millionen von Menschen fliehen vor Krieg, Verfolgung und Armut – genau wie Zofia damals versuchte, ihrer Situation zu entkommen.
Besonders bedrückend ist, dass Frauen in vielen Regionen immer noch nicht dieselben Rechte und Chancen haben wie Männer. Sie werden diskriminiert, ausgebeutet und sind oft schutzlos Gewalt ausgesetzt. Auch heute gibt es Fälle von Zwangsarbeit, von Menschen, die ohne Rechte und unter schlimmsten Bedingungen ausgebeutet werden – sei es in Kriegsgebieten, in der Textilindustrie oder in anderen Bereichen der globalen Wirtschaft. Die Geschichte von Zofia Malczyk ist also nicht nur eine Geschichte aus der Vergangenheit. Sie erinnert uns daran, wie wichtig es ist, für Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte einzutreten. Sie zeigt uns, dass es auch heute noch Menschen gibt, die Schutz und Hilfe brauchen, und dass wir nicht wegsehen dürfen.
Wir alle können aus ihrem Schicksal lernen. Es liegt in unserer Verantwortung, dass sich solche Verbrechen weder hier noch anderswo auf der Welt wiederholen.
Olena Martynova
Schülerin am Bayerkolleg Schweinfurt, 20. März 2025
Vor 80 Jahren wurde Zofia Malczyk ermordet. Brutal und unmenschlich. Nazis haben damit wieder ihr echtes, ekliges Gesicht gezeigt. Verbrecher, Mörder, Tyrannen. Ich bin dankbar dafür, dass wir uns jedes Jahr zum 21. März hier sammeln, um diese schreckliche Tat nicht zu vergessen. Wir dürfen dies und alles andere nicht vergessen, besonders jetzt. Umgeben von Radikalen, Rechtsextremisten, sogenannten russischen Befreiern, die schon ganz Europa befreien möchten.
Was jetzt in der Welt passiert, signalisiert mir deutlich, dass viele Menschen die Geschichte vergessen. Sie wählen den Verbrecher in den USA, sie wählen Rechtsextremisten und schenken denen 152 Sitze im Bundestag. Sie meinen Diktatoren seien Demokraten. Kämpfer für Frieden und die Zukunft ihres Landes seien Diktatoren und natürlich Hitler sei Kommunist. Wie kann sowas ernsthaft im 21. Jahrhundert passieren? Wie kann es sein, dass das Jahrhundert der rasanten Entwicklung von Technologien gleichzeitig die Zeit von der Furcht ist? Ich, als ein junger Mann, 20 Jahre alt, fürchte um meine Zukunft. Ich muss ehrlich sagen: ich habe hier in Deutschland Ruhe gefunden, denn ich weiß selbst, was der Krieg ist. Ich habe ihn gesehen, ich habe ihn gehört, ich habe seine Folgen wahrgenommen, auf dem Friedhof in meiner Heimatstadt, wo hunderte Flaggen über den Gräbern von Soldaten schweben. Von heulenden Sirenen, deren Klang für mein Land schon gewöhnlich wurde. Von meinem Onkel, der nach vier Jahren im Krieg, noch vor dem Ausbruch im Jahr 2022, keine ruhige Nacht mehr schlafen konnte, weil seine verstorbenen Kameraden in seinen Träumen immer wieder erschienen. Der Krieg darf nicht mehr stattfinden. Komisch, dass viele Menschen das nach zwei Weltkriegen immer noch nicht verstehen können. Genauso können viele Menschen nicht verstehen, dass die Geschichte uns vielmal gezeigt hat, dass jedes Reich irgendwann zu Grunde geht, dass jeder Diktator irgendwann vom Volk getötet oder vertrieben wird, dass die Kriege nur Asche und Tod hinterlassen, dass die Menschheit nur vom Frieden und der Demokratie profitieren. Aber viele haben das vergessen.
Und glauben Sie mir, ich verabscheue es! Ich verabscheue, dass ich den Krieg kenne. Ich verabscheue, dass Sie im 21. Jahrhundert über den Krieg hören. Ich verabscheue, dass ich aus der Geschichte tatsächlich gelernt habe und nun sehe, wie sich die schrecklichen Ereignisse von früher wiederholen. Ich verabscheue es! Und ich frage mich: wie viele Menschen müssen noch ermordet werden, damit wir die reale Bedrohung und Bösartigkeit nicht vergessen?
Damit wir sie endlich erkennen.
Ivan Herman
Schüler am Bayernkolleg Schweinfurt, 20. März 2025