Bei der jährlichen Gedenkfeier für Zofia Malczyk am Donnerstag, 19. März 2026

hielten Schüler des Bayernkollegs folgende Reden:

Ich möchte Ihnen heute eine Collage vorstellen, die nicht nur von mir stammt, sondern von unserer ganzen Schule.

Als ich begonnen habe, über diese Collage nachzudenken, war mir wichtig, dass sie nicht nur ein Bild ist, sondern ein gemeinsames Zeichen der Erinnerung.

Deshalb habe ich zuerst die Schülerinnen und Schüler unserer Schule einbezogen. Über eine digitale Wortwolke konnten sie Wörter schreiben, die sie mit Zofia Malczyk und ihrer Geschichte verbinden. Insgesamt haben ungefähr 100 Schülerinnen und Schüler daran teilgenommen. Diese Begriffe bilden den Hintergrund meiner Collage und zeigen, dass Erinnerung etwas ist, das wir gemeinsam tragen.

Für den Hintergrund habe ich hauptsächlich mit verschiedenen Blautönen gearbeitet – mit hellem und dunklem Blau. Blau steht oft für Ruhe, Erinnerung und Nachdenken. Zusätzlich habe ich Gelb verwendet, das an manchen Stellen mit Blau zusammen Grün ergibt und dem Bild mehr Tiefe gibt. Mit Weiß und Schwarz habe ich die Tonalität verstärkt, sodass die unterschiedlichen Blautöne deutlicher wirken.

Im Vordergrund steht eine Taube. Die Taube ist ein Symbol für Frieden und für Menschen, die ihr Leben verloren haben. Ich habe sie selbst gezeichnet und anschließend mit Reis gefüllt, damit sie hervorgehoben wird und der Blick sofort darauf fällt.

So verbindet die Collage zwei Dinge: die Erinnerung an Zofia Malczyk und die Stimmen unserer Schulgemeinschaft.

Merisa

Der Zweite Weltkrieg war das zerstörerischste Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Dieser Krieg war die Folge der Entstehung einer der unmenschlichsten Ideologien, die je entstanden sind: einer Ideologie, genährt von Hass und aufgebaut um ein einziges Konzept – die Nation. Während dieses Krieges wurden unzählige Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.

Und trotz all der schrecklichen Folgen dieses Krieges hat die Ideologie überlebt – und sie gewinnt wieder an Kraft. In ganz Europa und in vielen Teilen der Welt radikalisiert sich die Gesellschaft erneut. Rechte Ideologien gewinnen wieder an Einfluss. Manchmal scheint es, als würden wir dorthin zurückkehren, von wo wir uns vor einundachtzig Jahren entfernt haben.

Und das macht mir Angst.

Denn ich liebe das Leben. Ich möchte mich unter den warmen Strahlen der Sonne wärmen und nachts die Sterne am Himmel betrachten. Ich möchte jeden Tag meiner Frau ein Lächeln schenken und eines Tages sehen, wie schön mein Kind heranwächst. Ich bin genauso ein Mensch wie ihr. Ich will leben – nicht sterben. Und das Letzte, was ich vor meinem Tod hören möchte, ist, dass ich irgendeiner minderwertigen Nation gehöre.

Denkt nur einen Moment darüber nach. Seit über dreihundert Jahren heben wir ohne jeden Zweifel immer wieder das Messer gegeneinander – nur weil wir von Geburt an daran gewöhnt sind, uns einem anderen Stamm zuzuordnen. Aber ist das nicht Barbarei? In Wahrheit ist es nur eine Art Euphemismus. Wenn wir schon ehrlich sein wollen, dann nennen wir die Dinge beim Namen. Es geht nicht um Patriotismus. Es geht nicht um Stolz. Es geht um Angst. Die Menschen haben solche Angst voreinander, dass sie lieber eine Pistole aufeinander richten, als zu versuchen, einander zu verstehen.

Sofia Malczyk ist kein „Opfer“. Auch dieses Wort ist nur ein Euphemismus. Sofia Malchyk ist ein Mensch, der getötet wurde. Und wir werden niemals erfahren, welche Persönlichkeit hinter diesem Namen stand, wovon sie träumte, wovor sie sich fürchtete, was sie nachts sah, wenn sie die Augen schloss.

All das wurde von menschlicher Angst verschlungen. Und wie viele andere gab es neben ihr! Jeder von ihnen war zuerst ein Individuum mit einem eigenen Namen – nicht ein Engländer, Franzose, Deutscher, Pole, Ukrainer oder Russe.

Wir alle atmen dieselbe Luft und denken im Grunde auf dieselbe Weise. Wann wird uns endlich klar werden, dass wir nur eine Heimat haben – unseren gemeinsamen Planeten Erde? Wir haben Jahrtausende unserer Geschichte erlebt, Hunderte von Konflikten und zwei Weltkriege. Gerade jetzt, im Osten Europas, tobt ein blutiger Krieg, in dem mindestens Hunderttausende Menschen gestorben sind.

Der Krieg verschlingt sie lebendig, zerstört ihre Häuser und trennt Eltern von ihren Kindern.

So ist es auch mit mir geschehen. Und das Feuer dieses Krieges wurde durch nationale Ideen entfacht. Es ist traurig zu erkennen, dass sich seit jener Zeit kaum etwas verändert hat.

Doch das bedeutet nicht, dass wir die Hände sinken lassen dürfen. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, sich daran zu erinnern, wofür wir wirklich leben. Die Angst muss überwunden werden. Es ist Zeit, einander entgegenzugehen und die längst verrottete, erschöpfte nationale Idee hinter uns zu lassen. Es ist Zeit, sich daran zu erinnern, dass wir alle vor allem eines sind – Menschen.

Oskoma

Heute sind wir hier zusammengekommen, um uns an Zofia Malczyk zu erinnern und ihr Andenken zu ehren.

Die Geschichte von Zofia erinnert uns daran, wie grausam Ungerechtigkeit sein kann und wohin Hass und Diktatur führen können. Sie war ein ganz normaler Mensch mit einem Leben, mit Träumen und einer Zukunft. Doch ihr Leben wurde in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs tragisch beendet. Besonders schwer ist es zu wissen, dass sie zu diesem Zeitpunkt ein Kind erwartete.

Wenn wir uns heute an Zofia Malczyk erinnern, erinnern wir uns nicht nur an ihr Schicksal. Wir erinnern uns auch an die Schicksale von Millionen Menschen, die Opfer von Gewalt und Unmenschlichkeit in dieser Zeit wurden.

Die Erinnerung an solche Menschen ist wichtig, weil sie uns daran erinnert, wie wichtig es ist, die Menschenwürde, die Freiheit und den Respekt füreinander zu schützen. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können uns an sie erinnern und aus ihr lernen.

Möge die Erinnerung an Zofia Malczyk nicht nur in Worten weiterleben, sondern auch in unseren Taten. Möge sie uns daran erinnern, wie wichtig es ist, auch in den schwierigsten Zeiten Mensch zu bleiben.

Loredana